Die Antwort des Künstlers: Das Bild als stummer Zeuge
Wie Günter Dworak dem Verlust mit Kreativität begegnete

Raben, entstanden 1999./2000, Öl/Acryl und Strukturmasse auf Leinwand, 120 x 120 cm. © Nachlass Günter Dworak.
Perspektive 1: Das Werk im zeitgeschichtlichen Kontext
Fünf Jahre nach den einschneidenden Ereignissen von 1994 entsteht im Atelier dieses monumentale, quadratische Werk im Format 120 x 120 cm. Zwei mächtige schwarze Raben dominieren die pastose, mit dem Spachtel bearbeitete Leinwand. Sie sitzen auf demselben rot-braunen Ast, sind einander zugewandt, und doch scheinen ihre Blickachsen aneinander vorbeizugehen. Während der Kopf des linken Raben das emotionale Zentrum des Bildes bildet, thront der rechte Vogel über ihm – eine subtile, intime Dynamik vor einem verschwommenen, fast traumartigen Hintergrund aus Wald und Wasser.
Die Symbolik der beiden Hüter
Man muss kein Kunsthistoriker sein, um die tiefere Symbolik dieses Werkes zu spüren. In der Mythologie und Kulturgeschichte gelten Raben seit jeher als die Hüter des Wissens und der Erinnerung – sie sind die Vögel, die alles sehen, aber schweigen. Dass auf der Leinwand zwei Raben zu sehen sind, die sich zwar nah sind, aber in entgegengesetzte Richtungen blicken, spricht eine ganz eigene Sprache: Es ist das Sinnbild für eine Gemeinschaft, die dasselbe Fundament – den gemeinsamen Ast – teilt, aber die Welt mit völlig unterschiedlichen Augen sieht. Sie bewachen den Raum, jeder auf seine Weise, und halten das ungesagte Wissen der vergangenen Jahre fest auf der Leinwand gefangen.
Der Schutzraum Atelier und die Verarbeitung
In der Kunstwelt ist längst bekannt: Einschneidende Erlebnisse und der plötzliche Verlust von Sicherheit werden oft erst Jahre später auf der Leinwand verarbeitet. Der schwere Atelier-Einbruch von 1994 traf die Künstlerzeche damals tief ins Herz – ein Ort, der bis dahin als unantastbarer Schutzraum für Kreativität und gemeinsames Schaffen galt. Ein solches Ereignis hinterlässt Spuren, da es das Selbstverständliche ins Wanken bringt. Die Raben wirken hier wie zwei stumme Zeugen dieses Prozesses. Sie teilen sich denselben Lebensraum und stehen zusammen, während sie aufmerksam die Umgebung wahrnehmen, um das verletzte Sicherheitsgefühl an diesem geliebten Ort zu verarbeiten.
Die Kraft des Weitermachens
Wie reagiert man kreativ auf einen solchen tiefen Einschnitt? Anfangs mochte man meinen, die Antwort lag in der großen, kraftvollen Ausstellung des Jahres 1995. Doch die wahre, dauerhafte Antwort war die pure Kraft des Weitermachens – das unermüdliche Festhalten an der Kunst, an den Ausstellungen und an der kreativen Arbeit auf der Zeche Unser Fritz.
Dieses Gemälde von 1999 steht mitten in einer Reihe von intensiven Schaffensjahren, in denen eine Ausstellung die nächste jagte und die Kunst den Raum zurückeroberte. Diese produktive Phase fand ihren feierlichen Höhepunkt im darauffolgenden Jahr mit der großen Ausstellung im Jahr 2000: „ENGEL - im sakralem RAUM“.
Dass das Raben-Werk von 1999 vom Künstler nie signiert wurde, verleiht ihm eine zusätzliche Tiefe. Es wirkt, als sei dieses Kapitel für ihn innerlich ein fortlaufender Prozess geblieben. Heute, mit dem großen zeitlichen Abstand von über drei Jahrzehnten, bleibt uns dieses kraftvolle Gemälde als stummer Zeitzeuge einer Epoche, die trotz aller Brüche von tiefer künstlerischer Verbundenheit und unerschütterlicher Schaffenskraft geprägt war.
Perspektive 2: Die Psychologie des Bildes – Eine Gemeinschaft im Zwielicht
Betrachtet man das Werk durch das Prisma der Biografie des Künstlers, offenbart sich hinter der düsteren Naturkulisse eine zweite, tiefgründige Bedeutungsebene. Die beiden Raben sind hier keine bloßen Statisten der Landschaft – sie werden zu Akteuren in einem lautlosen psychologischen Drama. Das Bild lässt sich als feinsinnige Reflexion über das komplexe Wesen und die inhärenten Reibungspunkte innerhalb einer kreativen Zweckgemeinschaft lesen.
Das Spannungsfeld der Ambivalenz
In jeder Gemeinschaft, in der schaffende Köpfe auf engem Raum aufeinandertreffen, prallen unweigerlich unterschiedliche Ansprüche, Dynamiken und künstlerische Sichtweisen aufeinander. Raben gelten von Natur aus als hochintelligente, aber auch als misstrauische und extrem distanzierte Vögel. Genau diese Ambivalenz fängt die Komposition ein: Die beiden Figuren teilen sich zwar denselben Lebensraum – dieselbe „Bühne“ –, doch sie bilden keine harmonische Einheit. Sie stehen in einem unsichtbaren, spannungsgeladenen Dialog zueinander. Es ist das Porträt einer Koexistenz, die von gegenseitiger Beobachtung statt von echtem Einklang geprägt ist. Beide verharren isoliert auf ihren Positionen.
Die Symbolik der Farben: Das diffuse Grün
Besonders vielsagend ist der Umgang mit der Farbsymbolik. Das verbindende Element der Natur – die Farbe Grün – nimmt hier keinen Raum für Frische, Wachstum oder Harmonie ein. Ein kleinerer Teil des Bildhintergrunds, etwa ein Sechstel der Fläche, ist in ein diffuses, dunkles Grün getaucht. Es ist ein verdecktes, schweres und unklares Grün. Es symbolisiert eine Atmosphäre, in der man sich sprichwörtlich „nicht mehr grün“ war. Die ursprüngliche Verbindung und das kollegiale Fundament sind ins Undurchsichtige und Düstere abgedrängt worden.
Die Position des Künstlers: Distanz durch den Blick von außen
Wo aber steht der Künstler selbst in diesem Gefüge? Er ist in dieser Szenerie nicht als handelnde Figur präsent. Stattdessen nimmt er die Rolle des distanzierten Chronisten ein. Der Blickwinkel des Bildes zeigt eine bewusste Positionierung: Der Künstler zieht sich aus dem direkten Kreis zurück und blickt von außen auf das verbliebene Duo. Diese visuelle Trennung spiegelt die tief greifende menschliche Distanz wider, die zwischen seinem Standpunkt und den anderen Akteuren entstanden ist. Indem er das Geschehen außerhalb des eigenen Raums abbildet, schafft er eine unüberbrückbare Barriere. Er wird zum außenstehenden Beobachter einer fortschreitenden Entfremdung.
Die Zäsur der Kälte
Die restliche Kulisse atmet eine spürbare, fast lähmende Kälte. Diese eisige Stimmung im Bild wirkt wie die künstlerische Verarbeitung einer tiefen, emotionalen Zäsur. Es ist die Darstellung eines Zustands, nachdem das gemeinsame Vertrauen unwiderruflich beschädigt wurde. Wenn das schützende Dach einer Gemeinschaft durch innere oder äußere Erschütterungen wegbricht, bleibt oft nur diese dokumentierte Kälte zurück. Das Werk konserviert den Moment, in dem aus einem einstigen Austausch eine frostige, unumkehrbare Distanz wurde – ein Zustand, nach dem die Stimmung endgültig kippte.
