Die sechs historischen Stationen im Überblick
Tafel 1 (845–1400) | Die Missionierung
Darstellung der frühen christlichen Mission im Eickeler Raum, symbolisiert durch die Figuren des heiligen Ewald (690) und des heiligen Ludgerus (809).
Die Jahreszahlen (845–1400)
- 845: Dieses Jahr gilt traditionell als ein Schlüsseljahr für die Region, da in diesem Jahr das Bistum Hildesheim gegründet wurde und die Synode von Mainz stattfand, was die kirchliche Struktur im sächsischen Raum festigte. Zudem fällt in diese Epoche die beginnende schriftliche Erwähnung von Orten im Brukterer- und Westfalenraum.
- 1400: Das Jahr markiert das Ende des Hochmittelalters und den Übergang zur dokumentierten Eigenständigkeit der Eickeler Kirche, bevor im Jahr 1420 die erste steinerne Johanneskirche (die spätere reformierte Kirche) vollendet wurde.
Der heilige Ewald (690)
Bei den „Ewalden“ handelt es sich historisch um zwei angelsächsische Missionare: Der Schwarze Ewald und Der Weiße Ewald (unterschieden nach ihrer Haarfarbe).
- Die Mission: Sie kamen um 690 aus England, um die heidnischen Sachsen im heutigen Ruhrgebiet und Westfalen zum Christentum zu bekehren.
- Das Martyrium: Ihre Mission war extrem gefährlich und endete tragisch. Sie wurden von den Sachsen erschlagen und in den Rhein geworfen (nahe Köln-Kölsch).
- Regionaler Bezug: Da Wanne-Eickel im alten sächsischen Brukterergau liegt, stehen die Ewalde symbolisch für die allerersten, sehr opferreichen Versuche, den christlichen Glauben in unsere Region zu bringen.
Der heilige Ludgerus (809)
Liudger (oder Ludgerus) ist eine der absolut wichtigsten Figuren für das gesamte Ruhrgebiet.
- Der erste Bischof: Er war ein hochanständiger, gelehrter Missionar und wurde schließlich im Jahr 805 der erste Bischof von Münster.
- Gründer von Werden: Um das Jahr 799 gründete er das berühmte Kloster Werden (heute Essen-Werden). Von diesem Kloster aus wurde die gesamte Christianisierung im Raum an der Ruhr und Emscher koordiniert und gefestigt.
- Todesjahr 809: Ludgerus starb am 26. März 809 in Billerbeck, nachdem er am Vortag noch in seiner Kirche in Essen-Werden gepredigt hatte. Er ist der eigentliche „Baumeister“ des christlichen Westfalens.
Tafel 2 (1400–1617) | Die erste Johanneskirche
Visualisierung des ersten urkundlich belegten Kirchenbaus, der 1617 im Zuge der Reformation protestantisch wurde.
Der Ursprung der Johanneskirche
- Die erste Steinkirche: Um das Jahr 1420 wurde in Eickel eine gotische Hallenkirche aus Stein vollendet – geweiht dem heiligen Johannes dem Täufer. Sie stand genau dort, wo sich auch heute noch die evangelische Johanneskirche am Eickeler Markt befindet.
- Der Mittelpunkt des Dorfes: Diese Kirche war über Jahrhunderte das unangefochtene religiöse und gesellschaftliche Zentrum des gesamten Umlands. Jedes Leben in Eickel – ob Bauer, Handwerker oder die Adligen der umliegenden Rittersitze (wie Haus Eickel oder Haus Nosthausen) – drehte sich um diesen Ort.
Das Schlüsseljahr 1617: Die Reformation in Eickel
Das Jahr 1617 ist für die Eickeler Kirchengeschichte ein echtes Schicksalsjahr.
- Der Wechsel zum Protestantismus: Genau 100 Jahre nach Martin Luthers berühmtem Thesenanschlag (1517) entschied sich die Gemeinde in Eickel endgültig und offiziell, den neuen evangelischen Glauben anzunehmen.
- Die rechtliche Lage: Im Westfalen jener Zeit bestimmte oft der lokale Adel oder die Mehrheit der Gemeinde über die Konfession (nach dem Prinzip „Cuius regio, eius religio“ – wer regiert, bestimmt die Religion). In Eickel trat fast die gesamte Bevölkerung geschlossen zum lutherischen (später reformierten) Glauben über.
- Auswirkungen auf das Gebäude: Die alte, ehemals katholische Johanneskirche wurde damit hochoffiziell zur protestantischen Pfarrkirche. Alle katholischen Symbole, Altäre oder Bilder, die nicht zum neuen, schlichteren Glaubensverständnis passten, wurden im Laufe der Zeit entfernt oder umgestaltet.
Was das für die Katholiken bedeutete (Die Brücke zu Tafel 3)
Mit dem Jahr 1617 standen die wenigen verbliebenen Katholiken in Eickel plötzlich
ohne eigenes Gotteshaus da. Da die Johanneskirche nun evangelisch war, war den Katholiken der Gottesdienst dort untersagt. Sie mussten fortan im Geheimen oder auf privaten Adelssitzen Zuflucht suchen – und genau diese dramatische Wende bereitet den Boden für das, was Günter Dworak auf der nächsten Tafel (Haus Nosthausen) zeigt.
Tafel 3 (1617–1683) | Das Gut Nosthausen
Zeigt das Wappen und das geschichtsträchtige Haus Nosthausen, in dessen Kapelle die katholische Gemeinde nach 1617 ihre Gottesdienste feierte.
Katholiken in der Diaspora
Nachdem die Eickeler Johanneskirche 1617 protestantisch geworden war, verloren die verbliebenen Katholiken schlagartig ihre religiöse Heimat. Der öffentliche katholische Gottesdienst war im reformierten Eickel offiziell untersagt. Die Gläubigen waren plötzlich eine Minderheit im eigenen Dorf und mussten weite Wege (etwa nach Recklinghausen oder in andere katholische Gebiete) auf sich nehmen, um die Sakramente zu empfangen.
Das Gut Nosthausen als rettender Zufluchtsort
In dieser schwierigen Phase erwies sich das Rittergut Nosthausen (gelegen im heutigen Grenzgebiet zwischen Eickel und Bochum-Hordel) als Rettungsanker:
- Der Schutz des Adels: Die Herren von Nosthausen gehörten zu den wenigen lokalen Adelsfamilien, die dem alten, katholischen Glauben treu geblieben waren. Nach damaligem Recht genoss der Adel auf seinen eigenen Gütern eine gewisse religiöse Sonderstellung (Privatkapellen-Recht).
- Die Schlosskapelle: In der Hauskapelle des Gutes Nosthausen fanden ab 1617 im Verborgenen wieder katholische Messen statt. Die Eickeler Katholiken schlichen sich über die Feldwege zum Gut, um dort heimlich den Gottesdienst zu besuchen.
- Die Jesuiten-Mission: Ab den 1630er Jahren reisten regelmäßig Jesuiten-Patres (oft als Kaufleute oder Wanderer verkleidet) aus dem nahegelegenen Bochum oder Dortmund an, um auf Gut Nosthausen heimlich zu taufen, zu trauen und die Beichte abzunehmen.
Das Jahr 1683: Das Ende der "Untergrund-Kirche"
Das Enddatum auf der Tafel (1683) markiert den historischen Moment, in dem die drückendste Not der Katholiken ein Ende fand. In diesem Jahr – genau am 16. Oktober 1683 – gestand der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg den Eickeler Katholiken offiziell wieder das Recht auf freie Religionsausübung und den Bau einer eigenen (wenn auch bescheidenen) Kirche zu. Damit endete die 66-jährige Ära, in der das Gut Nosthausen das heimliche Herz der katholischen Gemeinde war.
Tafel 4 (1687–1881) | Die Notkirche St. Marien
Ein Denkmal für die historische Notkirche, die zeitweise von Katholiken und Protestanten gemeinsam als Gotteshaus genutzt wurde.
Das Ende des Exils und der Bau der Notkirche (1687)
Nachdem der Große Kurfürst den Katholiken 1683 wieder die freie Religionsausübung erlaubt hatte, dauerte es noch vier Jahre, bis die Pläne Realität wurden. Im Jahr 1687 errichtete die katholische Gemeinde eine eigene, bescheidene Notkirche. Sie war dem heiligen Johannes Baptist und der heiligen Maria geweiht – der Grundstein für die spätere eigenständige Pfarrei St. Marien.
Das ökumenische Wunder: Die gemeinsame Nutzung
Das Besondere an dieser Epoche (1687–1881) ist das über weite Strecken praktizierte Simultanverhältnis oder die pragmatische ökumenische Hilfe vor Ort:
- Brände und Einstürze: Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts kam es in Eickel immer wieder zu Katastrophen. Wenn die alte (evangelische) Johanneskirche wegen Baufälligkeit, Renovierungen oder Sturmschäden nicht nutzbar war, öffneten die Katholiken ihre Notkirche für die protestantischen Nachbarn.
- Gottesdienste unter einem Dach: So kam es zu Zeiten vorübergehend dazu, dass in derselben Kirche morgens die katholische Messe gefeiert wurde und kurz darauf der evangelische Gottesdienst stattfand.
- Gemeinsames Schicksal: In einem Zeitalter, das historisch eigentlich eher von konfessionellen Konflikten geprägt war, zeigten die Menschen am Eickeler Markt ein erstaunliches Maß an pragmatischer Nachbarschaftshilfe. Man teilte sich den sakralen Raum, wenn die Not es verlangte.
Das Jahr 1881: Der Aufbruch in die Moderne
Das Enddatum der Tafel (1881) markiert das Ende der Bescheidenheit. Wanne-Eickel boomte durch den Bergbau (die Zeche Hannibal und die Zeche Unser Fritz brachten tausende Menschen in die Region). Die kleine, alte Notkirche platzte aus allen Nähten und war den enormen Einwohnerzahlen der Industrialisierung nicht mehr gewachsen. Sie wurde 1881 abgerissen, um Platz für etwas weitaus Größeres zu machen – die monumentale, neugotische Marienkirche.
Tafel 5 (1881–1945) | Zerstörung und Erinnerung
Darstellung der alten, von Dombaumeister Güldenpfennig errichteten Marienkirche, die im Zweiten Weltkrieg schweren Schaden nahm und ihren markanten Turm verlor.
Hinter dieser Tafel verbirgt sich das architektonische Glanzstück und gleichzeitig das tragischste Kapitel der Eickeler Kirchengeschichte. Günter Dworak blickt hier zurück auf die monumentale Kirche der Kaiserzeit und ihre Zerstörung im Bombenkrieg.
Der Bau der großen Marienkirche (1881–1886)
Durch den rasanten Boom des Bergbaus im Ruhrgebiet reichte die alte Notkirche hinten und vorne nicht mehr aus. Ein repräsentativer Neubau musste her:
- Der berühmte Baumeister: Für den Entwurf konnte der renommierte Paderborner Dombaumeister Arnold Güldenpfennig gewonnen werden. Er war einer der bedeutendsten Architekten des Historismus und prägte den neugotischen Kirchenbau in ganz Westfalen.
- Das neugotische Monument: Güldenpfennig entwarf eine prachtvolle, dreischiffige Hallenkirche aus Backstein. Ihr absolutes Wahrzeichen war der monumentale, spitze Westturm, der stolze 75 Meter in den Himmel ragte und das gesamte Stadtbild von Eickel dominierte. Am 6. Oktober 1886 wurde die Kirche feierlich eingeweiht.
Das Schicksalsjahr 1945: Zerstörung im Bombenkrieg
Wanne-Eickel war als wichtiger Knotenpunkt der Kohle- und Stahlindustrie im Zweiten Weltkrieg ein Hauptziel der alliierten Luftangriffe.
- Der verheerende Angriff: Bei den schweren Bombardements auf den Eickeler Raum im Herbst 1944 und Anfang 1945 wurde auch die Marienkirche massiv getroffen. Das Dach stürzte ein, das prachtvolle neugotische Gewölbe schlug durch und brannte im Inneren komplett aus.
- Der Verlust des Wahrzeichens: Besonders schmerzhaft für die Eickeler Bevölkerung war der Verlust des markanten Turms. Er wurde so schwer beschädigt, dass der stolze, 75 Meter hohe Helm einstürzte und die Kirche ihrer städtebaulichen Krone beraubt wurde. Am Ende des Krieges im Mai 1945 stand nur noch eine ausgebrannte Ruine am Eickeler Markt.
Tafel 6 (ab 1949/50 bis zur Einweihung 1964) | Neubeginn
Die Marienkirche in ihrer nach dem Krieg wiederaufgebauten Form, feierlich vollendet mit dem von Dworak gestalteten Portal im Jahr 1964.
Der unbändige Wille zum Wiederaufbau (ab 1949/50)
Nach dem Krieg standen die Eickeler Katholiken vor dem Nichts, aber der Gemeindegeist war ungebrochen.
- Die Notkirche im Saal: Direkt nach Kriegsende feierte man die Gottesdienste zunächst in provisorischen Sälen und Notunterkünften. Doch schon bald begannen die Planungen für die Rettung des historischen Standorts am Eickeler Markt.
- Der veränderte Wiederaufbau: Unter der Leitung des Herner Architekten P. Kunz wurde die Ruine der Güldenpfennig-Kirche ab 1949/50 wieder nutzbar gemacht. Aus Kostengründen, aber auch im Geiste der architektonischen Moderne der Nachkriegszeit, verzichtete man auf eine originalgetreue Wiederherstellung des komplizierten neugotischen Gewölbes. Stattdessen erhielt die Kirche eine schlichtere, modernere Deckenkonstruktion und klare, weite Linien im Innenraum.
- Der neue Turm: Auch das Wahrzeichen wurde neu gedacht. Der zerstörte, 75 Meter hohe Turmhelm wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen erhielt der Turmstumpf ein flacheres Pyramidendach, was der Kirche bis heute ihr charakteristisches, weithin sichtbares Gesicht verleiht.
Das Jahr 1964: Die feierliche Vollendung
Der Wiederaufbau der Kirche selbst war Anfang der 1950er Jahre zwar im Wesentlichen abgeschlossen, aber ein architektonisches Highlight fehlte noch, um das Gesamtkunstwerk abzurunden.
- Der Auftrag an Dworak: In den frühen 1960er Jahren erhielt Günter Dworak den Auftrag, sowohl das Haupt- als auch das Westportal neu zu gestalten. Sie sollten nicht nur funktionale Zugänge sein, sondern optische und geschichtliche Eingangstore für die gesamte Gemeinde.
- Der Kardinalbesuch: Im Jahr 1964 war es dann so weit. Pünktlich zum feierlichen Besuch des Paderborner Erzbischofs Kardinal Dr. Lorenz Jaeger wurden die prachtvoll mit Kupfer verkleideten Portale fertiggestellt. Die Einweihung der Portalanlagen durch den Kardinal bildete den offiziellen Schlusspunkt des jahrzehntelangen Wiederaufbaus. Die Wunden des Krieges waren damit endgültig künstlerisch geschlossen.
